Wann ein Gespräch an einen Mitarbeitenden weitergeleitet werden sollte – Szenarien für den telefonischen Kundenservice mit Automatisierung

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Wann ein Gespräch an einen Mitarbeitenden weitergeleitet werden sollte – Szenarien für den telefonischen Kundenservice mit Automatisierung

Automatisierung und KI verändern das Gesicht des telefonischen Kundenservice – IVR, Voicebots, Sprachassistenten und Spracherkennungssysteme können den Großteil der routinemäßigen Anfragen selbstständig lösen. Dennoch spielt der Mensch im telefonischen Kundenkontakt weiterhin eine entscheidende Rolle. In diesem Text erklären wir, wann und warum das System ein Gespräch an einen Mitarbeitenden übergeben sollte. Wir präsentieren außerdem praktische Weiterleitungsszenarien, einsatzbereite Skripte, Entscheidungskriterien sowie Kennzahlen, die sicherstellen, dass Weiterleitungen an das Customer-Experience-Team effektiv und kundenfreundlich sind.

Warum Automatisierung den Menschen nicht zu 100 % ersetzen kann
Automatisierte Kundendienstlösungen und KI-gestützte Assistenten erhöhen die Geschwindigkeit der Bearbeitung, senken Kosten und unterstützen die Standardisierung. Ein menschlicher Mitarbeitender bringt jedoch zusätzliche Fähigkeiten ein: Empathie, ein breiteres Kontextverständnis, kreative Problemlösung sowie Verhandlungskompetenz und Konfliktmanagement. Deshalb sollte bei komplexen, emotional belasteten oder rechtlich-finanziellen Themen die Weiterleitung an einen Menschen sofort erfolgen. So stärken wir zwei wesentliche Faktoren für langfristige Kundenbeziehungen: Reputation und Vertrauen.

Allgemeine Grundsätze – wann automatische Assistenten ein Gespräch an einen Menschen weitergeben sollten
Bevor detaillierte Szenarien für Weiterleitungen implementiert werden, sollte ein Satz übergeordneter Richtlinien erarbeitet werden, die das Fundament des gesamten Serviceprozesses bilden. Klare Vorgaben helfen dabei, das Gleichgewicht zwischen Automatisierung und menschlicher Unterstützung zu wahren – damit Kundinnen und Kunden sich nie allein gelassen fühlen.

Worauf sollte man achten, wenn man Punkte definiert, an denen die Automatisierung die Kontrolle an einen Menschen übergeben sollte?

  • Erkennung starker Emotionen – Wut, Weinen, Panik, identifiziert durch Stimmanalyse und ggf. kombiniert mit Schlüsselwörtern.

  • Niedrige Erfolgsquote des Systems – wenn der Kunde nach zwei oder drei Interaktionen weiterhin keine Lösung erhält.

  • Komplexität des Anliegens – ungewöhnliche Reklamationen, Anfragen, die Verhandlungen erfordern, Einsprüche, rechtliche oder mediative Themen.

  • Erforderliche Autorisierung / menschliche Entscheidung – Abweichungen von Standardprozessen oder Rückerstattungen hoher Beträge.

  • Probleme bei Identifikation / Authentifizierung – wiederholte fehlgeschlagene Login-Versuche.

  • Kundenpräferenz – der Kunde fordert ausdrücklich einen menschlichen Ansprechpartner. Kundenbeziehungen basieren auf Respekt; Zwang zur Nutzung eines Assistenten ist langfristig nicht förderlich.

  • VIP-Kunden / strategische Verträge – SLA oder Vertragsvereinbarungen verlangen persönlichen Kontakt.

  • Technische Fehler / fehlerhafte Weiterleitungen – Systeme erkennen Anomalien und übergeben automatisch an eine Fachkraft.

  • Mehrsprachigkeit – der Assistent beherrscht die erforderliche Sprach-/Kontextkombination nicht.

  • Sicherheit und Datenschutz – Anfragen zu sensiblen Daten (medizinisch, juristisch etc.).

Beispielhafte Szenarien, die Sie implementieren können
Nach der Festlegung allgemeiner Prinzipien sollten diese in konkrete Szenarien übersetzt werden, die in IVR-Systemen oder Voicebots implementiert werden können. Im Folgenden einige Beispiele, die zeigen, wie man automatische Regeln gestaltet, die eine Weiterleitung an einen Menschen auslösen.

  1. Emotionen und Tonfall

Regel: Wenn das System mehr als zwei negative Signale erkennt (z. B. „wütend“, „Betrug“, „ich kann nicht“), wird das Gespräch weitergeleitet.
Warum: Menschliche Intervention verhindert Eskalation und erhöht die Zufriedenheit.
Beispielskript: „Ich sehe, dass dieses Anliegen für Sie wichtig ist. Ich leite das Gespräch an eine Fachperson weiter.“

  1. Wiederholte erfolglose Lösungsversuche

Regel: Weiterleitung nach 2–3 erfolglosen Interaktionen.
Warum: Endlosschleifen verursachen Frustration.
Skript: „Es tut mir leid, dass ich das Anliegen nicht lösen konnte. Ich verbinde Sie jetzt mit einer Mitarbeiterin / einem Mitarbeiter.“

  1. Hochwertige Transaktionen und Ausnahmen

Regel: Rückerstattungen über einem bestimmten Betrag → Autorisierung durch einen Mitarbeitenden.
Warum: Schutz für Unternehmen und Kunden.
Skript: „Diese Operation erfordert eine Autorisierung. Einen Moment bitte – ich stelle Sie zu einer Fachperson durch.“

  1. Probleme bei Authentifizierung

Regel: Nach drei fehlgeschlagenen Login-Versuchen erfolgt die Weiterleitung.
Warum: Sicherheit und Komfort für den Kunden.
Skript: „Die Identitätsbestätigung ist nicht gelungen. Ich verbinde Sie nun mit einer Mitarbeiterin / einem Mitarbeiter.“

  1. Anliegen mit sensiblen Daten

Regel: Themen mit personenbezogenen Informationen → sofortige Weiterleitung.
Warum: Datenschutzregelungen und Vertrauensaufbau.
Skript: „Aufgrund gesetzlicher Vorgaben und unseres Anspruchs an maximale Datensicherheit verbinde ich Sie nun mit einer Fachperson.“

  1. Mehrsprachigkeit und kultureller Kontext

Regel: Geringe Erkennungswahrscheinlichkeit der Sprache → Weiterleitung an eine mehrsprachige Fachkraft.
Warum: Fehlende Unterstützung erzeugt Unsicherheit und Frustration.
Skript: „Ich kann Sie mit einer Mitarbeiterin / einem Mitarbeiter verbinden, die/der Ihre gewünschte Sprache spricht.“

Beispielhafter vereinfachter Entscheidungsbaum zur Implementierung im IVR/Voicebot

Ein Entscheidungsdiagramm ist ein praktisches Werkzeug, um klar festzulegen, wann das System autonom agiert und wann ein Mensch übernehmen sollte. Es schafft Wiederholbarkeit und Transparenz im Prozess.

Beispielhafter vereinfachter Entscheidungsbaum für einen automatischen Assistenten

Wie gestaltet man eine reibungslose Weiterleitung im telefonischen Kundenservice?
Eine Weiterleitung allein genügt nicht. Sie muss fließend, verständlich und angenehm für den Kunden sein. Gutes UX-Design im Telefonservice verhindert Frustration und stärkt das Markenimage als modern und kundenorientiert.

Worauf sollte man bei der Gestaltung von Weiterleitungsbotschaften achten?

  • Transparenz – erklären, warum eine Weiterleitung erfolgt.

  • Kontextübertragung – Kurzbeschreibung des Gesprächs an den Mitarbeitenden (Transkript, Tags).

  • Wartezeit & Rückrufoption – bei längerer Wartezeit Callback anbieten.

  • Priorisierung von VIPs – Möglichkeit einer schnellen Weiterleitung zu einem persönlichen Betreuer.

  • Omnikanal-Daten – Aggregation der Kundendaten in CRM-Systemen erleichtert die Fallbearbeitung.

  • Human-in-the-loop – Mitarbeitende können jederzeit übernehmen.

Beispielhafte Transfer-Skripte im telefonischen Kundenservice

Skripte sind ein wichtiges Hilfsmittel sowohl für automatische Assistenten als auch für Mitarbeitende. Sie sorgen für Konsistenz, vermeiden Fehler und geben Kundinnen und Kunden Sicherheit beim Übergang vom Bot zum Menschen.

IVR → Mitarbeitender (neutral):
„Ich verbinde Sie mit unserem Kundenservice. Bitte bleiben Sie in der Leitung. Während des Verbindungsaufbaus übermittle ich eine kurze Beschreibung Ihres Anliegens.“

Kontextübertragung an den Mitarbeitenden:
„Kunde: Jan Kowalski; Anliegen: Reklamation #12345; Versuche: 2; Emotion: negativ; Sprache: PL.“

Begrüßungsskript für Mitarbeitende:
„Guten Tag, hier spricht [Name]. Ich sehe, dass Sie versucht haben, Ihr Anliegen automatisch zu lösen – ich habe bereits eine Zusammenfassung vorliegen. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

Kennzahlen zur Bewertung der Effektivität von Weiterleitungen – KPI und Messgrößen
Effektives Transfermanagement erfordert Daten. Die richtigen KPIs zeigen, ob die Automatisierung wie geplant funktioniert und ob Kunden mit dem Übergabemoment zufrieden sind.

Wichtige Kennzahlen:

  • % automatisch abgeschlossener Gespräche

  • % Weiterleitungen an Mitarbeitende

  • Time-to-Resolution nach Transfer

  • First Contact Resolution (FCR)

  • CSAT / NPS nach Weiterleitung

  • % unnötiger Transfers

  • Durchschnittliche Bearbeitungszeit (AHT)

Schulung von Mitarbeitenden und Dokumentation
Automatisierung endet nicht mit der Implementierung. Für nachhaltigen Erfolg müssen Mitarbeitende kontinuierlich geschult werden. Gute Trainings ermöglichen es, Gespräche nach einer automatischen Interaktion souverän zu übernehmen, den Marken-Ton zu wahren und Probleme effizient zu lösen.

Wichtige Trainingsinhalte:

  • Onboarding mit Transkripten – Analyse guter/schlechter Beispiele

  • Krisenszenarien – Umgang mit Systemstörungen

  • Emotionale Kompetenz – Empathie- und Deeskalationstechniken

  • Wissensdatenbank – schneller Zugang zu Informationen

  • Interkulturelle Schulungen – für mehrsprachige Teams

Rechtliche Risiken im Zusammenhang mit automatischen Assistenten
Automatisierung im telefonischen Kundenservice bietet enormes Potenzial: kürzere Reaktionszeiten, niedrigere Kosten, bessere Verfügbarkeit. Gleichzeitig entstehen neue rechtliche, technologische und reputationsbezogene Risiken. Unternehmen, die Voicebots, IVR oder KI-basierte Lösungen nutzen, müssen geltende Vorschriften wie DSGVO, E-Commerce-Gesetzgebung oder Telekommunikationsrecht einhalten. Verantwortungsvolle Implementierung bedeutet nicht nur formale Compliance, sondern auch den Aufbau von Vertrauen – besonders, wenn Teile der Gespräche durch Algorithmen geführt werden.

Achten Sie auf Datensicherheit
Voicebots und IVR-Systeme verarbeiten personenbezogene Daten wie Namen, Kundennummern, E-Mail-Adressen oder Bestell- und Zahlungsdetails. Viele Informationen werden in Gesprächslogs oder Transkripten gespeichert. Unzureichende Absicherung kann zu Datenlecks oder Verlust der Vertraulichkeit führen.

Überwachen Sie den automatisierten Prozess
Fehlerhafte Entscheidungsregeln können zu falschen Weiterleitungen führen – etwa wenn ein finanzieller Reklamationsfall im Vertrieb landet oder ein Bot bei festgestellter Frustration nicht korrekt weiterleitet. Solche Fehler beeinträchtigen die Customer Experience, erhöhen Wiederanrufe und können Beschwerden auslösen.

Seien Sie transparent
Kunden haben das Recht zu wissen, ob sie mit einem Menschen oder einem automatisierten System sprechen. Fehlende Transparenz wirkt manipulativ und reduziert Vertrauen. Zudem können KI-Systeme unbemerkt Fehlverhalten reproduzieren, wenn sie nicht beaufsichtigt werden.

Berücksichtigen Sie branchenspezifische Besonderheiten
Branchen wie Finanzen, Versicherungen oder Gesundheit unterliegen zusätzlichen regulatorischen Vorgaben. Fehlende Anpassung der Automatisierung kann zu finanziellen Sanktionen oder Lizenzproblemen führen.

Das Prinzip des goldenen Mittelwegs
In gut gestalteten Systemen arbeiten Automatisierung und Menschen Hand in Hand. Der Automat bearbeitet einfache Anliegen effizient, während der Mensch bei Empathie-, Bewertungs- oder Ausnahmesituationen übernimmt. Der Schlüssel zum Erfolg im telefonischen Kundenservice liegt in der klugen Verbindung von Technologie und menschlicher Intuition – so wird das Unternehmen effizienter, und Kunden fühlen sich wirklich gut betreut.

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